San Andrés ist die größte Insel Kolumbiens und der ungewöhnlichste Teil des Landes. Sie liegt etwa 750 km vom kolumbianischen Festland entfernt im Karibischen Meer, weit draußen in der Nähe von Nicaragua. Betrachtet man eine Landkarte, scheint sie zu Zentralamerika zu gehören. Sie gehört jedoch zu Kolumbien.
Man nennt sie das Meer der sieben Farben. Vom landenden Flugzeug aus zeigt das Wasser ein Band nach dem anderen, von tiefem Grün bis zu blassem Aquamarin – das Werk der darunter liegenden Korallenriffe. Es ist eine kleine Koralleninsel, und man kann die einzige Ringstraße in unter einer Stunde abfahren.
Die Raizal
Die Ureinwohner von San Andrés sind die Raizal. Sie sind afro-karibisch und protestantisch, Nachfahren versklavter Afrikaner und jamaikanischer Siedler, die ab dem 17. Jahrhundert auf die Insel kamen. Ihre Sprache ist ein auf dem Englischen basierendes Kreol, das dem in Bluefields in Nicaragua, Limón in Costa Rica sowie Bocas del Toro und Colón in Panama gesprochenen Kreol ähnelt. Dieselben Menschen und dieselbe Sprache finden sich entlang dieser gesamten Küste.
Während des größten Teils der Inselgeschichte stellten die Raizal die gesamte Bevölkerung. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts ermutigte die kolumbianische Regierung spanischsprachige Festlandbewohner, dorthin zu ziehen. Heute machen die Raizal etwa ein Drittel der rund 75.000 Einwohner aus, und Spanisch ist mittlerweile genauso präsent wie Englisch und Kreol.
Piraten und Mächte
Die Insel war von Anfang an umkämpft. Sowohl die Engländer als auch die Spanier wollten sie im 17. Jahrhundert besitzen, und sie wechselte mehr als einmal den Besitzer. Sie wurde zu einer Piratenbasis, die von englischen und französischen Mannschaften überfallen wurde, und der berühmte Freibeuter Henry Morgan war in diesen Gewässern aktiv. Letztendlich hielt Spanien die Insel, und 1821 ging sie an Kolumbien über.
Der Streit um das Meer
Da die Insel so nah an Nicaragua liegt, stritten sich die beiden Länder lange Zeit über die Hoheitsrechte. Ein Vertrag aus dem Jahr 1928 sprach die Inseln Kolumbien zu. Nicaragua focht dies später an, und der Fall landete vor dem Internationalen Gerichtshof. Im Jahr 2012 entschied das Gericht, dass die Inseln kolumbianisch sind, sprach jedoch einen Großteil des umliegenden Meeres Nicaragua zu. Die Landfrage ist geklärt. Das Wasser drumherum bleibt ein Streitpunkt.
Die Insel heute
San Andrés ist eine karibische Insel, die zufällig zu Kolumbien gehört. Man hört Englisch, Kreol und Spanisch auf derselben Straße. Das Essen ist karibisch: Das Inselgericht ist Rondón, ein langsam geschmorter Eintopf aus Fisch und Kokosmilch, dasselbe Gericht, das man auch weiter südlich an der Küste in Limón und Bocas del Toro findet. Die Musik ist Calypso, Soca und Reggae. Als zollfreie Insel zieht sie scharenweise kolumbianische Touristen an, doch unter der Oberfläche der Resorts bleibt die karibische Kultur der Raizal das Herzstück der Insel.